Matterhorn Gotthard Bahn

 

Home > Sommer > Nostalgiezeitung > Ohne Bahn wäre Zermatt nicht Zermatt

«Ohne Bahn wäre Zermatt nicht Zermatt»

Amadé Perrig, ehemaliger Kurdirektor von Saas-Fee und Zermatt, ist seit 45 Jahren im Tourismus tätig. Er kennt wie kein anderer die internationalen Märkte und weiss, was Zermatt der frühen Erschliessung mit der Bahn verdankt.

Herr Perrig, Sie sind auch nach 45 Jahren im Tourismus unermüdlich für Zermatt und den Glacier Express im Einsatz.

Ja, ich lebe sechs Monate im Jahr in den USA, die anderen sechs in Zermatt. Der Tourismus ist meine Leidenschaft, mein ganzes Herzblut steckt darin. Mit Zermatt und dem Glacier Express darf ich zwei Topprodukte vertreten. Für mich stellt das ein enormes Privileg dar.

Was hat sich in den vier Jahrzehnten verändert? Sind die Touristen anspruchsvoller geworden?

Ja und nein. Die Grundbedürfnisse sind die gleichen geblieben. Sie kommen wegen der Landschaft, der frischen Luft, den Erlebnissen in den Bergen. Das Angebot muss heute allerdings viel breiter sein. Und verändert hat sich auch das Reiseverhalten. Früher war die Anreise ein Teil der Ferien. Heute ist dies nur noch ein Transport von A nach B, der reibungslos und schnell funktionieren muss.

Erfüllt die Matterhorn Gotthard Bahn diesen Anspruch?

Ja, absolut. Wenn ich den Reiseanbietern in den USA beispielsweise erkläre, wie das Parkhaus Matterhorn Terminal in Täsch funktioniert, wie von dort das Gepäck problemlos in ihr Hotel im autofreien Zermatt gelangt, dann staunen sie nur noch. Sie können sich das schlicht nicht vorstellen. In den vielen Jahren hat sich übrigens noch nie ein amerikanischer Gast darüber beschwert, dass er sein Auto eine Woche lang nicht gesehen hat. Und zu Hause können sich die meisten Amerikaner ein Leben ohne Auto nicht vorstellen.

Ist der Glacier Express nicht das Gegenstück zum schnellen Reisen von A nach B?

Ja. Er ist einzigartig, denn mit dieser Erlebnisbahn kann man die Alpen am besten erkunden. Man fährt gemächlich an unterschiedlichen Landschaften, Kulturen und Architekturen vorbei. Die Amerikaner flippen aus, wenn ich ihnen davon erzähle. Die Reise, die erstklassige Verpflegung, weisse Tischtücher. Diese Erlebnisbahn muss unbedingt weiter ausgebaut werden. Sie bringt allein Zermatt rund 250 000 Übernachtungen im Jahr. Die Matterhorn Gotthard Bahn hat also eine dreifach wichtige Rolle: als Zubringerin, als Erlebnisbahn und auch als Cargobahn.

Wie hätte sich Zermatt ohne die Bahnverbindung entwickelt?

Schwer zu sagen. Aber Zermatt wäre sicher nicht das Zermatt, das wir heute kennen. Und Zermatt wäre heute nicht autofrei. Das grosse Glück für das Mattertal war, dass der Zug vor den Autos erfunden und deshalb die Visp-Zermatt-Bahn zuerst gebaut wurde. Und als nach dem Ersten Weltkrieg im Wallis zahlreiche Strassen in die Täler gebaut wurden, entschied der Staatsrat, dass Zermatt ja schon eine Verbindung habe und es deshalb keine Strasse brauche. Zweimal haben also äussere Faktoren dieses heute so wichtige Unterscheidungsmerkmal begünstigt.

Ist das autofreie Zermatt als Verkaufsargument noch von Bedeutung?

Absolut. Sogar mehr denn je. Denn gegenüber früher hat die Bahn den Reisekomfort und den Service ausgebaut und die Fahrzeiten stark verkürzt. Viele internationale Gäste reisen mit dem Flugzeug nach Genf, Zürich oder Mailand, steigen dort in den Zug um und haben in Visp ausgezeichnete Anschlüsse. Und nicht zu vergessen: Diese Gäste kommen oft aus Grossstädten oder grossen Agglomerationen. Sie suchen also Ruhe, saubere Luft und wollen jede Hektik vermeiden. In Zermatt bieten wir genau das.

Sie glauben an die Zukunft des autofreien Ferienorts mit der Bahn als Zubringerin?

Ja. Und alle im Tourismus tätigen Leute im Wallis sollten noch viel mehr auf solche Aspekte setzen. Wir haben so viele Vorteile auf unserer Seite. Wir müssen sie nur mit Herzblut nach aussen tragen und besser vermarkten. Dazu braucht es gut ausgebildete Leute und vor allem Konstanz in der Marktbearbeitung. Denn der Aufbau von erfolgreichen Netzwerken dauert Jahre. Kaputt gemacht sind sie hingegen in Kürze, beispielsweise wenn es zu viele Wechsel in wichtigen Positionen gibt.