Vom Experiment zur Institution
Der Klang eines Dorfes
Ernen im Goms: ein kleines, stilles Dorf mit kaum fünfhundert Einwohnern, rund zehn Postautominuten von Fiesch entfernt. Und doch trifft man hier zwischen Bäckerei und Kirche bisweilen einen der besten Pianisten der Welt. Kein Aufsehen, kein Gefolge, nur ein kurzer Gruss, ein Lächeln, dann ist er wieder verschwunden. Hier trifft Weltklasse auf Alltag.
Ein Experiment mit Folgen
Dass das so ist, hat eine lange Geschichte. Sie begann in den 1970er-Jahren mit einem Mann, der in Ernen genau die Ruhe fand, die er anderswo vermisste: der ungarische Pianist György Sebök. Gemeinsam mit seiner Frau Eva und einigen Einheimischen gründete er das Festival Musikdorf Ernen – ein Experiment, das Musiker:innen aus aller Welt in das abgelegene Gommer Dorf brachte.
Was als Sommerprojekt begann, wurde zur Institution. Und das Dorf? Es blieb nicht nur Kulisse, sondern wurde Mitspieler.
Wenn Musik Alltag wird
Heute ist Musik in Ernen allgegenwärtig. Im Sommer dringen Klänge aus Fenstern und Türen, durch die Gassen und hinauf zu den Hängen. Viele der alten Stadel wurden zu Proberäumen oder kleinen Konzertsälen umgebaut. In fast jedem Winkel des Dorfes wird gespielt, geübt, gesungen. Über dreissig Freiwillige helfen jedes Jahr mit – viele seit Jahrzehnten. Sie richten Stühle, betreuen Einlass und Künstler:innen, tragen die Idee des Musikdorfes ins Dorf hinein.
Mit Programmen wie dem «Ensemble in Residence» lebt Musik inzwischen rund ums Jahr: Junge Kammermusikgruppen wohnen bis zu zwei Wochen im Dorf, proben, treten auf, erhalten Unterricht.
Ein neues Kapitel: Schiff und das Musikzentrum
Eine der prägendsten Geschichten der Erner Gegenwart nimmt 2020 ihren Lauf, als Sir András Schiff nach dem Lockdown erstmals im Dorf auftritt – und wiederkommt, weil ihn der Ort überzeugt. Im vergangenen Sommer hat er angekündigt, künftig seine Studierenden in Ernen unterrichten zu wollen. Gemeinsam mit dem Verein Musikdorf Ernen entsteht dafür ein Musikzentrum, das ganzjährige Lehre und künstlerische Vertiefung ermöglicht. Damit schliesst sich ein Kreis – und öffnet zugleich ein neues Kapitel. Das geplante Musikzentrum ist eine natürliche Weiterentwicklung dessen, was Ernen seit jeher ausmacht: Konzentration, Intimität und Qualität.
«Die Geschichte bleibt dieselbe», sagt Inniger. «Menschen kommen hierher, weil sie sich in Ruhe und Tiefe mit Musik verbinden wollen.»
Ökosystem Dorf
Wie schafft es ein 540-Seelen-Ort in den Walliser Bergen, auf der internationalen Landkarte aufzutauchen? Mit Liebe zur Musik, einem hohen Qualitätsanspruch – und einem funktionierenden Ökosystem. Das reicht von engagierten Einwohner:innen über Vereine und lokale Betriebe bis hin zu Politik und Förderern. Die vermeintliche Abgeschiedenheit, die hier als wohltuende Ruhe erfahrbar wird, ist Teil eines grösseren Netzwerks. So beflügeln sich Dorf und Musik gegenseitig: Gepflegte Gärten, der Hengert als natürlicher Konzertplatz, Kapellen in der Umgebung – all das inspiriert die Musiker:innen; umgekehrt stiftet das Festival künstlerische, ideelle und wirtschaftliche Wertschöpfung für die Gemeinschaft.
Nähe, die bleibt
Ernen bleibt offen: kein Dresscode, kein Vorwissen nötig. Wer zuhört, gehört dazu – ob zum ersten Mal oder seit Jahren. Und das Programm wächst über den Sommer hinaus: Residenzen im Herbst, Konzerte um den Jahreswechsel, Veranstaltungen im Saisonfenster von Juni bis September mit weiteren Plänen in Richtung 2027. So entsteht ein Ganzjahresklangraum, der Tradition und Neues verbindet.
Wie Ernen in zehn Jahren tönt, weiss jetzt noch niemand. Sicher ist nur: Musik wird hier weiter Wurzeln schlagen. Im Dorf, in den Menschen, im Alltag.
Und vielleicht begegnet man dann wieder einem der besten Pianisten der Welt – irgendwo zwischen Bäckerei und Kirche. Niemand wird sich wundern.

