la pendenta
«Sechs Jahre, sechs Wochen»
270 Meter lang, knapp 100 Meter über dem Vorderrhein: la pendenta bei Disentis ist die längste Hängebrücke Graubündens. Entstanden ist sie nicht aus einem Masterplan – sondern aus der Hartnäckigkeit eines Vereins, dem Vertrauen eines Dorfes und einer Idee, die einfach nicht loslassen wollte.
Es gibt Projekte, die scheitern, bevor sie beginnen. Und es gibt Projekte, bei denen man irgendwann aufhört zu zweifeln – weil die Idee stärker ist als alle Widerstände.
la pendenta ist so ein Projekt.
Christian Loretz erinnert sich noch genau, wo er war, als die Resultate der Volksabstimmung über den Gemeindebeitrag eintrafen. Auf dem Oberalppass, mit der MGBahn hochgefahren, angeln. «Die Resultate sind draussen», sagte seine Frau. «Ich habe gesagt: Nicht schauen. Das ist sicher angenommen.» Das Disentiser Stimmvolk hatte den beantragten Beitrag von 390 000 Franken abgelehnt – auf ein Referendumsbegehren hin, nachdem das Gemeindeparlament noch zugestimmt hatte.
Aber das war nicht das Ende. Es war der Anfang des zweiten Anlaufs.
Eine Schlucht, die trennt
Um zu verstehen, warum die la pendenta entstand, muss man die Rheinschlucht bei Cuflons kennen. Sie liegt zwischen Disentis und dem Weiler Mumpé Medel – eine wilde, steile Schlucht, durch die der junge Vorderrhein drängt. Wer sie zu Fuss überqueren wollte, musste auf beiden Seiten rund 100 Höhenmeter überwinden. Für Schulkinder, für ältere Menschen, für den Alltag: nicht zumutbar.
Die erste Idee, hier eine Hängebrücke zu bauen, entstand 2013. Sie wurde nicht weiterverfolgt. 2018 griffen Loretz und einige Mitstreiter den Gedanken wieder auf – diesmal mit mehr Konsequenz. «Die Hauptidee war der Netzschluss – für das Dorf, für den Anschluss an den öffentlichen Verkehr, für den Alltag. Erst während des Fundraisings haben wir gemerkt: Das Projekt hat auch touristisches Potenzial.»
Sechs Menschen, sechs Jahre
Ein Verein wurde gegründet. Sechs Personen trieben das Projekt in ihrer Freizeit voran – ein Brückenbauer, ein Treuhänder, ein Banker, weitere Spezialisten. «Das hat sich zufällig so ergeben», sagt Loretz. «Jeder brachte genau das mit, was es brauchte.»
Die Bewilligung kam. Die Finanzierung – 2,4 Millionen Franken – war gesichert, soweit es der Verein absehen konnte. Die Gemeinde sollte 350 000 Franken beisteuern. Das Parlament stimmte zu. Dann kam die Petition. 80 Unterschriften reichten, um das Projekt vor das Volk zu bringen. Und das Volk sagte nein – knapp.
«Eine Enttäuschung», sagt Loretz. «Aber ich war überzeugt, dass die Leute nicht gegen das Projekt waren. Nur gegen die Finanzierung über die Gemeinde.»
Was folgte, war ein Plan B: Ein privater Investor sprang ein und übernahm den Betrag, den die Gemeinde nicht zahlte. Zwei intensive Monate Überzeugungsarbeit. Dann: Zusage. Und damit grünes Licht.
Das Dorf baut mit
Was dann passierte, überraschte selbst die Initiantinnen und Initianten. Der Verein begann, Pendenta-Meter zu verkaufen – einen symbolischen Laufmeter, je tausend Franken das Stück. Über 450 wurden verkauft. In einer Gemeinde mit 2000 Einwohnern. «Ein Viertel der Bevölkerung hat privat mitgezogen», sagt Loretz. «Das hat mich wirklich beeindruckt.»
Woche für Woche kamen neue Bestellungen. Als der Bau begann und etwas zu sehen war, wurden es noch mehr. Der Verein organisierte Begehungen – fast jede zweite Woche kamen Leute, die wissen wollten, wie es vorangeht. «Man hat gespürt: Das ist unser Projekt.»
Sechs Jahre Planung, sechs Monate Bau, sechs Wochen Montage. «Wir haben sechs Jahre gebraucht, um zu planen», sagt Loretz. «Und in sechs Wochen haben sie die ganze Hängebrücke montiert.»
270 Meter. 100 Meter Tiefe.
Mit einer Spannweite von 270 Metern ist la pendenta die längste Hängebrücke im Kanton Graubünden. Sie verbindet die Kirche Sontga Gada in Disentis mit dem Weiler Mumpé Medel und führt über die Rheinschlucht bei Cuflons – knapp 100 Meter über dem Boden.
Technisch spektakulär ist dabei weniger die Länge als die Höhe. «Die Seilbrücke selbst zu erstellen war nicht das Schwierigste», sagt Loretz. «Die Herausforderung war das Gelände, die Logistik, die Jahre des Planens.»
Nach Fertigstellung wurde die Brücke der Gemeinde Disentis als Geschenk übergeben, die nun für den Unterhalt sorgt. Was einst als Idee von zwei, drei Personen begann, gehört heute dem Dorf.
Wer heute über die pendenta läuft – den Blick hinunter auf den Vorderrhein, die Rheinschlucht tief unter den Füssen –, ahnt kaum, was es gebraucht hat, damit diese 270 Meter möglich wurden. Mut. Rückschläge. Und ein Dorf, das am Ende doch mitgezogen hat.
Als Loretz an jenem Novembermorgen aus der Kapelle Sontga Gada trat und tausend Menschen vor sich sah, wusste er: Es hat sich gelohnt. Jede schlaflose Nacht, jede Absage, jener Abend auf dem Oberalppass. «Du weisst, diese tausend Personen sind nur hier wegen dieser Brücke.» Das Bild steht ihm heute noch vor Augen – und macht ihm, wie er sagt, «Hühnerhaut», wenn er daran denkt.
Ausflugstipp: Senda Desertina Disentis Bahnhof – Rundweg
13 km | 560 m | 3 h 50 min | leicht
Der Rundweg startet beim Bahnhof Disentis und führt über Fontanivas mit seinem kleinen Badesee hinunter an den Vorderrhein – vorbei an Specksteinfelsen und Gletschermühlen bis zur Schlucht Cuflons, wo die Brücke la pendenta den Blick in die Tiefe freigibt.
Unterwegs prägen 14 Kirchen und Kapellen die Landschaft: Die romanische Kapelle Sontga Gada (12. Jh.) mit alten Wandmalereien und die barocke Marienkapelle in Acletta sind die eindrücklichsten Stationen. Der Weiler Segnas besticht durch gut erhaltene Walliser Strickbauten. Oben auf dem Muntatsch eröffnet sich ein weiter Blick auf Medelsergletscher und Surselva, bevor der Abstieg durch den Klosterwald zurück zum Bahnhof führt.
Der Rundweg ist meist auch im Winter begehbar. Erreichbar mit der Matterhorn Gotthard Bahn bis Disentis.
