Matterhorn Gotthard Bahn

 

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Reisen damals, reisen heute

Vor 125 Jahren fuhr der erste Zug von Visp nach Zermatt. Die Bahn hat das Tal verändert und geöffnet. Vor 1891 war es schwer hinein- und hinauszukommen. Für Fremde wie für Einheimische.

Goethe kam nicht. Miss Jemima Morrell auch nicht. Beide liessen Matterhorn und Zermatt auf ihren Reisen durch das Wallis rechts liegen. Miss Morrell, eine Bankiers-Tochter aus Yorkshire, buchte 1863 in London bei Thomas Cook die erste Pauschalreise, die der britische Reiseveranstalter mit Ziel Schweiz organisiert hatte: Drei Wochen Wallis, Berner Oberland, Luzern und Rigi für 19 Pfund, 17 Schilling und Sixpence. Warum war in dieser «First Conducted Tour» Zermatt nicht enthalten? – Ganz einfach: Das Dorf und sein Berg waren vom Gruppentourismus noch nicht entdeckt, weil weder eine kutschentaugliche Fahrstrasse noch eine Eisenbahn in das Mattertal hinaufführten. Ohne Verkehrsverbindung keine Reisegruppen.

Und wie sah es bei Johann Wolfgang von Goethe aus? Er bereiste die Schweiz dreimal als Individualtourist mit kleiner Entourage (ein, zwei deutsche Begleiter und lokale Führer). Goethe besuchte dabei oft Täler und Ortschaften, die wenig begangen wurden. Auf seiner zweiten Schweizer Reise im Jahre 1779 ritt der 30-jährige Dichter, Geheimrat und Minister aus dem Herzogtum Sachsen das Rhonetal aufwärts. Er war von Genf über Chamonix nach Martigny gekommen. Im gebirgigen Grenzgebiet traf er überraschend auf bewaffnete Schmuggler, die einen Warnschuss abgaben, um deutlich zu machen, wer hier das Sagen hatte. Mag sein, dass es deshalb Goethe nach diesem Schreck in Martigny doppelt behagte. Dort, im Grand-Maison, wo nur zahlungskräftige Fremde nächtigten, liess er sich mit 29 Gängen und guten Weinen verköstigen. Dem Dichterfürsten aus Weimar standen auf seinen Reisen viele Türen offen. Gut möglich, dass ihm der berühmte Naturforscher Horace Bénédict de Saussure, den er 1779 in Genf besuchte, von den Vispertälern, von Zermatt und vom Matterhorn erzählte. Matterhorn, Monte Rosa, Gornergrat und all die vielen Viertausender um Zermatt faszinierten de Saussure ein Leben lang. Das Klein Matterhorn hatte er als Erster bestiegen.

Doch für Goethe war die Kletterei aufs «Horu» und andere Zermatter Viertausender nichts. Er reiste umsichtig und ging keine unvernünftigen Risiken ein. Zudem war er 1779 spät dran. Die warmen Herbsttage waren längst vorbei. Der Oktober neigte sich dem Ende zu. Noch im November wollte Goethe über den Furkapass und durch die Schöllenenschlucht nach Luzern gelangen. Bei einem frühen Wintereinbruch wäre ihm, seinen Pferden und seinem Gepäck der Weg über die Furka versperrt. Das wollte er vermeiden. Also kam ein Abstecher nach Zermatt, der ihn zwei Reise- und ein oder zwei Aufenthaltstage gekostet hätte, nicht infrage. Goethe zog von Visp weiter in Richtung Furka.

Die Naturforscher kommen

Von Visp nach Zermatt gab es noch Jahrzehnte nach Goethes Schweizer Reisen keine kutschentaugliche Fahrstrasse. Im unteren Talstück, zwischen Stalden und St. Niklaus, war es am engsten und steilsten. Die Vispa schoss dort durch eine wilde, tief eingeschnittene Schlucht. Bis zur Eröffnung der Visp-Zermatt- Bahn im Jahr 1891 war Zermatt nur zu Fuss oder im Sattel eines Maultieres auf einem schmalen Saumpfad zu erreichen. Neun bis zehn Stunden benötigte man von Visp nach Zermatt. Doch nicht immer war der Weg begehbar. Überschwemmungen, Rüfen und Lawinen beschädigten den Pfad fast jedes Jahr.

Und dennoch besuchten nach 1820 immer mehr Menschen das Vispertal. Es waren Naturforscher, Geologen, Botaniker, Mineralogen, Landschaftsmaler und Kartografen. Sie brauchten nur eine bescheidene Infrastruktur. Ihnen genügte es, wenn sie ein Bett bei einem Dorfbewohner bekamen. In Zermatt, schon damals der grösste Ort im Tal, gab es bis ins 19. Jahrhundert hinein nur ein Massenlager für Säumer, die mit ihren Maultieren Waren von Visp heraufbrachten oder über den Theodulpass nach Süden ins italienische Aostatal zurückkehrten. Ab 1838 liess sich erstmals von einer Herberge sprechen, als der ZermatterWundarzt Josef Lauber in seinem Haus drei Gastzimmer einrichtete.

Wie bescheiden der Fremdenverkehr damals war, zeigt das Gästebuch, das der Zermatter Pfarrer Gottsponer führte. Zwischen 1830 und 1851 übernachteten insgesamt 104 Fremde imPfarrhaus, darunter einige klingende Namenin- und ausländischer Forscher und Gelehrter. Diese Gäste waren nicht zu unterschätzen. Mit ihren viel gelesenen Berichten und Reisebeschreibungen machten sie Ort, Tal und Berge in ganz Europa bekannt. Sie sorgten dafür, dass der Fremdenverkehr langsam, aber stetig zunahm. Neue Gasthäuser wie das «Monte Rosa» oder das «Mont Cervin» öffneten ihre Türen. Auch in den kleineren Dörfern des Tales entstanden Herbergen. Die Zahl der Säumer, die ihre Maultiere für den Transport von Gütern und Personen anboten, vermehrte sich. Immer mehr Burschen und Männer offerierten in Stalden, St. Niklaus, Randa oder Zermatt den Fremden ihre Dienste als Führer, Träger oder Quartiermacher. Mit ihnen warteten Blumenmädchen auf die Reisenden und streckten ihnen Sträusse aus Alpenrosen oder blauem Enzian entgegen, gegen Entgelt natürlich.

Wie Wespen seien die Maultiertreiber jeweils auf die Fremden zugeschossen, berichtete 1863 Miss Jemima Morrell von ihrer Schweizer Reise: «Wir wurden von den aufdringlichen Gesellen buchstäblich belagert, bedrängt und umkesselt.» Das geschah in Weggis. War es in Zermatt anders? Der britische Bergsteiger Edward Whymper beschrieb 1865 eine ähnliche Situation: «An der Mauer vor dem Monte-Rosa- Hotel sitzen gewöhnlich zwei Dutzend Führer, gute, schlechte und mittelmässige, Franzosen, Schweizer und Italiener. Sie rechnen auf Verwendung und schauen nach Touristen aus, warten auf neue Ankömmlinge und berechnen die Zahl der Franken, die sich ihnen aus der Tasche ziehen lässt.» Whymper war es dann auch, der die Entwicklung von Zermatt massgeblich beeinflusste. Seine siebenköpfige Alpinistengruppe hatte 1865 das Matterhorn besiegt. Mit seinen 4 478 Metern Höhe hatte der Berg während Jahrhunderten als unbesteigbar gegolten. Seine markante Form und die majestätische Alleinstellung in der Alpenkette verschafften dem Berg eine singuläre Position – bis heute. Doch beim Abstieg von Whympers Team stürzten vier Mitglieder in die Tiefe. Whymper und die beiden Zermatter Bergführer Taugwalder (Vater und Sohn) überlebten. Das dramatische Geschehen erregte über Europas Grenzen hinaus Aufmerksamkeit und machte Ort und Berg auf einen Schlag weltweit bekannt. Mit diesem Ereignis nahm das Wettrennen der Alpinisten nochmals zu. Überall in den Alpen wollten Bergsteiger als Erste auf unbestiegenen Bergen ankommen. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts notierte man in den Alpen 210 Erstbesteigungen, in der zweiten bereits 1010. Im Mattertal waren die Erstbesteigung des Matterhorns sowie die Eröffnung der Visp-Zermatt-Bahn im Jahre 1891 ausschlaggebend für die beschleunigte touristische Entwicklung.

Im Eisenbahnfieber

Dieser wachsende Zustrom von Fremden führte in den Alpen zu einer zweiten Euphorie – der Eisenbahneuphorie. Die Projekte schossen nur so aus dem Boden, von der Westschweiz bis in die Ostschweiz. Seriöse und unseriöse Projekte waren dabei, solide Investoren und windige Spekulanten, erfahrene Ingenieure und risikofreudige Unternehmer. Die Konzession für die Schmalspurbahn ins Mattertal erhielten zwei Banken, von denen die eine, die Basler Handelsbank, beachtliche Erfahrungen mit Infrastrukturbauten im In- und Ausland – beispielsweise durch die Finanzierung der elektrischen Beleuchtung von Paris – hatte. Die Bankhäuser setzten beim Bau auf kundige Ingenieure und Planer wie Ernest von Stockalper, Julien Chappuis und Xaver Imfeld. Die Initianten rechneten für die Bahn mit Baukosten von 5,4 Millionen Franken – ein erheblicher Betrag, wenn man bedenkt, dass 1891 die Eidgenossenschaft im ganzen Land gerade mal Investitionen von 1,57 Millionen tätigte.  Die Bahngesellschaft rechnete jährlich mit mindestens 12 000 Passagieren. Aufgrund des starken Ausbaus von Schiene und Strasse im Wallis, in der Schweiz und in Europa gingen die Betreiber davon aus, dass die Passagier- und Güterzahlen kontinuierlich ansteigen würden. Und genau so kam es. Nicht erstaunlich, dass mit dem Erfolg der Visp-Zermatt-Bahn weitere touristische Erschliessungsprojekte auftauchten. Nur wenige Jahre später nahm die Gornergrat Bahn den Betrieb auf. Die hochalpine Zahnradbahn führte von Zermatt 9,3 km hinauf auf den 3 089 Meter hohen Gornergrat, von wo aus die Touristen eine spektakuläre Rundumsicht auf Monte Rosa und Matterhorn geniessen konnten.

Per Bahn aufs Matterhorn?

Das nächste Ziel liess nicht lange auf sich warten – schon bald darauf gingen bei den Bundesbehörden mehrere Konzessionsgesuche zur Errichtung einer Bahn auf die Spitze des Matterhorns auf 4 478 Metern ein. Zwei Gesuche stammten aus Zermatt, eines aus Biel. Am schnellsten war der Bieler Buchdrucker Leo Heer-Bétrix, der zusammen mit dem Obwaldner Ingenieur Xaver Imfeld ein technisch ansprechendes Projekt ausgearbeitet hatte. Das zweite Gesuch kam vom Walliser Nationalrat Rothen und von Kantonsingenieur Zen Ruffinen. Das dritte Gesuch trug als Absender die Namen der Gemeinde Zermatt und von Alexander Seiler, dem Begründer der gleichnamigen Zermatter Hotel-Dynastie. Und siehe da: Eisenbahndepartement und Bundesrat winkten das erste Gesuch schlank durch. National- und Ständeräte hörten laut der «Berner Volkszeitung» den Ratsberichterstattern in «ehrfurchtsvollem Schweigen» zu und genehmigten die Vorlage 1892 diskussionslos. Damit hatten der Buchdrucker Leo Heer-Bétrix und Ingenieur Xaver Imfeld die Konzession im Sack. Doch unerwartet starb der Bieler Unternehmer, die Konzession gelangte via Erbgang an Witwe und Sohn des Verstorbenen. Das Projekt verlor an Schwung und geriet immer mehr ins Stocken.

1905 nahm Mitkonzessionär Xaver Imfeld einen neuen Anlauf. Doch es war zu spät. Die Zeit der visionären Bahnprojekte war vorbei. Als nämlich Imfelds neu aufgelegter Plan zum Bau einer Bahn auf das Matterhorn in der Öffentlichkeit bekannt wurde, erhob sich schlagartig heftiger Widerstand gegen die Bahn auf den Matterhorngipfel. Der Schweizer Alpen-Club, der Heimatschutz, mehrere naturforschende Gesellschaften und viele Naturfreunde meldeten sich lautstark und protestierten gegen den massiven Eingriff am «majestätischsten Gipfel» der Schweiz. In einer Volkspetition an den Bundesrat formulierten 68 356 Unterzeichner einen ultimativen Grundsatz: «Die Gipfel unserer Hochalpen sind das ideale Eigentum des ganzen Schweizervolkes  und somit unverkäuflich!» Seit 1848 hatte es bis dahin noch nie eine Petition mit einer vergleichbar  grossen Unterschriftenzahl gegeben. Der öffentliche Druck wirkte, das Projekt verschwand für immer in den Schubladen der Behörden.

Und heute?

Es ist keine Übertreibung, wenn man feststellt, dass das realisierte Bahnprojekt – die Visp-Zermatt- Bahn – das Mattertal wirtschaftlich und sozial fundamental verändert hat. Es hat mitgeholfen, den Tourismus zu öffnen und die Reisemöglichkeiten neuen Bevölkerungskreisen zugänglich zu machen: Vor 1891 entstammten die Reisenden meist den europäischen und schweizerischen Oberschichten und dem vermögenden Bürgertum. Die dichteren, schnelleren und günstigeren Verkehrswege ermöglichten nach und nach das Reisen für alle sozialen Schichten. Die Bahn hat auch wirtschaftlichen Wandel gebracht: Sie zerstörte Arbeitsplätze eines alten, sich dem Ende zuneigenden Zeitalters und schuf im Gegenzug neue Berufe und moderne Arbeitsplätze. Mit der Bahneröffnung verloren mehrere Fuhrunternehmen und viele Säumer mit ihren Maultieren die Arbeit, denn die Bahn lieferte schneller, billiger und viel grössere Tonnagen. Und sie sorgte für neue Berufe wie Stationsbeamte, Güterarbeiter, Kondukteure, Lokführer, Wagenreiniger, Techniker, kaufmännische Angestellte und manches mehr.

Und die Fremden schliesslich, die dank der Bahn in wachsender Zahl ins Tal strömten, führten im Vispertal zu einem Aufschwung der touristischen Infrastruktur, der Hotellerie, des Gastgewerbes.

Der Wandel lässt sich in einigen Zahlen ausdrücken: 1900 zählte Zermatt 741 Einwohner; 2015 sind es 5 628 (ohne Touristen). Die Visp-Zermatt-Bahn fuhr 1891 in den Sommermonaten täglich dreimal bergwärts und dreimal talwärts. Heute fahren an jedem Werktag 31 Regionalzüge von Visp nach Zermatt – das ganze Jahr und mit ganz anderen Reisezeiten: 1890, also vor der Bahneröffnung, brauchte ein Stadtberner drei ganze Tage, um auf den Gornergrat zu gelangen; mit dem Dampfzug genügten nach der Bahneröffnung neuneinhalb Stunden. Heute ist der Stadtberner bereits in weniger als drei Stunden auf dem Gornergrat.

Was wohl Goethe und Miss Jemima Morrell dazu sagen würden? Von Martigny herkommend, würden sie diesmal womöglich in Visp einfach nach rechts abbiegen. In Zermatt angekommen, würde Goethe, der auch ein Naturforscher war, untersuchen, ob es da oben immer noch 888 Arten von Schmetterlingen gibt, wie ihm berichtet worden war. Und Miss Jemima Morrell würde ihm dabei helfen und mit einem Schmetterlingsfänger um ihn herumtanzen und sich wundern, warum sie in Zermatt ihren Regenmantel und Regenschirm so selten benötigt.